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Rezension: Peter Manseau - Bibliothek der unerfüllten Träume

Itsik Malpesch. “Male” und “Pisch”, die jiddischen Wörter für “Affe” und “Pisse”, bilden seinen Spitznamen. Ein Name, den schon Itsik’s Vater nicht gerne getragen hat. Aber man kann sich nicht aussuchen, wie man von seiner Umgebung gerufen wird. Man kann sich auch nicht aussuchen, wo und wann man geboren wird. Im Falle unseres Helden war es in Russland zur Zarenzeit, als eine Revolution die nächste jagte und die Juden in ihren Vierteln vor Pogromen fürchten mussten.

Schon als junger Gänsekotschipper in der Daunenfabrik seines Vaters entdeckt Itsik seine Liebe zu den Worten, zur Literatur und Gedichten. Und er beschließt, selber Dichter zu sein. Ein Mitschüler seiner Talmud-Klasse eröffnet ihm das Universum russischer Literatur und Itsik gibt seine mühsam erarbeiteten Kopeken für einzelne Seiten von Dostojewski und anderen bekannten russischen Schriftstellern aus. Sein erster öffentlicher Schreibversuch für die jüdische Zeitung in Kischinjow endet jedoch mit einem Familiendesaster, aufgrund dessen er die Stadt und seine Familie verlassen muss. Die nächsten Jahre wird er als Setzer in Odessa verbringen, wo er im Untergrund von all den Kriegen, die die Welt zu der Zeit erschüttern, nicht allzuviel mitbekommt.
Er schreibt weiterhin Gedichte für die unerreichbar scheinende Muse Sascha Bimko, die Metzgertochter, die bei seiner Geburt eine große Rolle gespielt haben soll. Nach ein paar Jahren wird er auf eine Reise nach Amerika geschickt, wo er endlich seinem Schicksal begegnet. Hat die Suche nach seinem baschert dort ein Ende? Dieser Begriff bezeichnet im Jiddischen den von Gott ausersehenen Partner, den Seelenverwandten. Eine der großen Fragen, die hier gegen Ende des Buches aufgeworfen werden, ist auch die des Schicksals, des Vorherbestimmten. Kann man sich dem entziehen? Haben wir Menschen eine Wahl oder haben wir keine? Die Antwort ist sicher immer vom jeweiligen Glauben abhängig.

Zweite Hauptperson des Buches ist der Übersetzer. Ein katholischer Theologiestudent, der für eine jüdische Bücherorganisation in den USA arbeitet und auf diese Weise Ende der Neunziger Jahre mit den Memoiren und Gedichten des mittlerweile über 90jährigen Itsik Malpesch in Berührung gerät. Er hat mit seinen eigenen Lebenslügen zu kämpfen und übersetzt gleichzeitig die poetisch und teilweise zurechtgebogen anmutenden Notizen über das Leben des jüdischen Emigranten. Doch haben autobiografische Texte nicht auch das Recht, mithilfe von literarischen Mitteln die subjektiven Eindrücke historischer Ereignisse zu komprimieren um so das eigene Empfinden verständlicher zu machen? Mithilfe der Anmerkungen des Übersetzers und seiner Hintergrundgeschichte ergibt sich oft auch ein bereinigtes Bild der historischen Hintergründe.

Die Geschichte über die „Bibliothek der unerfüllten Träume“ beschreibt auf poetische und sehr detailreiche Weise das Leben zweier Dichter. Sie erzählt, wie groß die Macht der Worte ist und wie ein starker Glaube an das geschriebene Wort und die Poesie selbst den Untergang einer Sprache, nämlich des Jiddischen, überdauert. Sie ist durchflochten von jüdischer Weltanschauung und der jiddischen Sprache, verbindet Liebesroman und große Gefühle mit Abenteuern sowie den Schrecken des Krieges und Judenpogromen. Das Sprichwort, man würde sich immer zweimal im Leben treffen, wird hier mehrere Male wortwörtlich genommen. Itsik Malpesch, der Dichter ohne großes Talent, dafür mit einer umso größeren Passion, bleibt im Kopf hängen, auch wenn man das Buch selbst schon wieder aus der Hand gelegt hat.

Zum Autor: Peter Manseau ist als Sohn eines katholischen Priesters und einer ehemaligen Nonne keinesfalls jüdischer Herkunft, beschäftigt sich aber schon seit seiner Jugend viel mit Religion. Es ist sozusagen eine doppelte Auszeichnung, wenn man vor diesem Hintergrund mit dem Jewish Book Award ausgezeichnet wird und die Sophie Brady Medal for Outstanding Achievement in Jewish Literature verliehen bekommt. Peter Manseau hat in dieser Richtung bereits einen persönlichen Erfahrungsbericht und zwei Sachbücher veröffentlicht, dies ist sein Roman-Debüt. Er hat Religionswissenschaften und Literatur studiert, lebt derzeit mit seiner Familie in Washington D.C. und schreibt dort regelmäßig für die „Washington Post“ sowie die „New York Times“. Verlegt hat diesen Roman der Hoffman&Campe Verlag, dank derer ich über Twitter auch zu einem Vorab-Exemplar des Buches gekommen bin.

Und zum Video: Ein jiddischer Klassiker, geschrieben von einem jüdischen Autor für ein erfolgloses Musical im New York der 30er Jahre, welcher durch die Adaption der Andrew Sisters zu einem Welthit wurde. „Bei mir bist du scheyn“ – hier komplett auf jiddisch in einer neuen Aufnahme von Sirba Octet.

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