Meine zweite Theaternacht in Hamburg, die 6. Theaternacht der Hansestadt. Diesmal wusste ich zumindest in Ansätzen was mich erwartet, weshalb ich mir von vornherein nicht zu viel vorgenommen hatte. Drei Stationen waren diesmal anvisiert, wobei – zugegebenermaßen – mein Hauptaugenmerk auf der Hamburgischen Staatsoper lag, wo ich mir wie letztes Jahr vergünstigte Karten erhoffte. Nur letztes Jahr war die Schlange für diese Karten abends um elf extrem lang und noch ein anderes Theater auf der to-do-Liste, so dass wir dieses Special-Angebot nicht mitgenommen hatten. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden.
Auf der Liste standen dieses Mal nur drei Stationen: Ohnsorg Theater, Hamburgische Staatsoper sowie Alma Hoppes Lustspielhaus. Alle hatte ich irgendwann schon einmal besucht, manches war aber schon ein paar Jahre her. Für nächstes Jahr habe ich mir aber vorgenommen, mal nur Theater zu besuchen, die ich noch gar nicht kenne. Diese liegen aber alle so weit außerhalb.
Mein Plan war zu sieben Uhr an der Staatsoper zu sein, um direkt an die günstigen Karten zu kommen und dann in Ruhe das Programm abspulen zu können. Das klappte aber nicht, weil man erst ab neun Uhr zur ersten Vorstellung auf der Hauptbühne reinkam. Also sind wir erst noch in Ruhe eine Kleinigkeit essen gegangen und haben uns dann auf den Weg zum Ohnsorg Theater gemacht. Manchen ist dieses Hamburger Urgestein op Platt vielleicht auch durch die regelmäßig stattfindenden Übertragungen im Fernsehen bekannt. Um die Uhrzeit, wo wir dort waren, fand gerade eine Lesung statt, sowie musikalisches Programm von Jasper Vogts Hafenmusikanten. Bei dem ersten Bierchen des Abends eine witzige Sache.
Um acht Uhr machten wir uns dann auch schon wieder auf den Weg Richtung Staatsoper, weil ich etwas früher da sein wollte. Die erste Vorstellung mit Ausschnitten aus der Zauberflöte und dem Publikumssingen mit dem Weibermarsch, moderiert von Simone Young, sollte um viertel nach Neun beginnen. Wir kamen um viertel nach Acht am Eingang an, dort standen schon mehrere Leute. Bis wir alle um neun Uhr reingelassen wurden, hatte sich hinter uns eine beachtliche Menge an Zuschauern eingefunden. Als es los ging, gehörten wir zwar zu den ersten Zuschauern, die hinein kamen – und ich wollte gerne mal ins Parkett, weil ich mir diese Karten sonst nicht leisten könnte – aber auf welche Art und Weise! Ich hatte eigentlich immer den Eindruck gehabt, dass sich auf dieser Theaternacht kultivierte und an Kultur interessierte Menschen tummeln, die eher nicht mit einem Mob bei einem Teenie-Konzert vergleichbar sind. Diesen Samstag wurde ich eines Besseren belehrt. Männer und Frauen in den besten Jahren und für einen Theaterabend gekleidet rannten die Treppen entlang und drängelten sich vor den Eingangstüren zu Parkett und Loge. Es wurde tatsächlich von hinten geschoben, die Ellenbogen wurden ausgefahren und zumindest im Parkett fingen einige tatsächlich an zu Rennen, nur um Plätze in den ersten drei Reihen zu bekommen. Ich war tatsächlich stark negativ beeindruckt von dem Bild, das sich hier bot.
Natürlich zieht diese Veranstaltung mit zehn Euro pro Karte für alle Theater sowie den gesamten Nahverkehr jede Menge Publikum an. Das ist auch gut so. Und das die Staatsoper nicht zuletzt wegen Simone Young, aber auch wegen der sonst sehr teuren Karten an diesem Abend sehr viel Publikum anzieht, ist auch klar. Aber warum man sich hier nahezu prügeln muss und herumgedrängelt wird wie beim Computerkauf bei Aldi ist mir völlig unverständlich. Die 45-minütige Vorstellung entschädigte dann einigermaßen für den Ärger. Die Ausschnitte aus der Zauberflöte kannte ich alle – mir hat eigentlich nur noch die Arie der Königin gefehlt – aber die Inszenierung von Bühnenbild und Kostümen fand ich mal wieder ganz grausam. Ja, ich gebe zu, was Opern angeht bin ich sehr konservativ. Ja, ich liebe Opern, aber nur mit traditionell passenden Kostümen und Gewändern. Von mir aus kitschig, überladen, barock – aber bitte keine Schlangen mit rechts und links sitzenden Pappmachebrüsten sowie einem riesigen Hintern, auf den auch noch ein Herz gemalt ist. Bitte keine Hexen mit Vollbehaarung an Kopf und Gesicht, dafür roten Blinkersternen auf den sonst nackten Brüsten. Bitte keinen Tamino mit weiß geschminktem Gesicht und roten Kreisen auf den Wangen. Wie sieht das denn aus! Die Musik: toll. Die Inszenierung: hält mich davon ab, mir dafür Karten zu kaufen. Was wirklich lustig war, war die Moderation von Simone Young und Papageno, der einzige mit einigermaßen ansprechendem Kostüm, der auch das Publikumssingen mit Wiener Akzent und Witz geleitet hat.
Im Anschluss konnte man dann im Foyer Karten für ausgesuchte Opern- und Ballett-Aufführungen für 15 Euro das Stück erwerben. Auch hier wieder furchtbares Gedrängel vor dem Kartenstand. Aber ich habe mit Geduld und dem zweiten Theaterbier des Abends abgewartet bis ich auch dran war und zwei tolle Karten für eine Aufführung von La Traviata Anfang Oktober erstehen konnte. Und zwar im Parkett auf tollen Plätzen, die sonst zwischen 70 und 80 Euro kosten würden. Da bin ich auch ziemlich gespannt auf die Inszenierung. Dann gings auf zur U-Bahn Richtung Winterhude. Mittlerweile war es kurz vor halb elf und unsere Hoffnung war, zum Elf-Uhr-Einlass bei Alma Hoppe noch reinzukommen. Wir hatten Glück und bekamen noch zwei zusammenhängende Plätze im Rang zugewiesen. Hier gabs dann kein Bier mehr, sondern ein großes Alster für jeden. Das politische Programm hier dauerte eine halbe Stunde und es hat sich wirklich gelohnt. Zwar haben die beiden Darsteller am Anfang viel zu schnell geredet und der eine hat zusätzlich noch genuschelt, aber die Pointen waren super. Sehr gut gefallen hat mir auch Lutz von Rosenberg Lipinsky, der zehn Minuten Redezeit bekam. Den würde ich mir nach dieser Kostprobe auch mal einen ganzen Abend ansehen wollen. Und nach dieser Aufführung war es dann auch schon halb zwölf, Zeit um nach Hause zu fahren. Klar, die verrückte Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr hätte man sich noch irgendwo anschauen können. Aber es war wirklich überall sehr voll und auf den Kiez zum Schmidt Theater – wo ich gerne mal zu Mitternacht hingehen würde – wollten wir aufgrund seiner Nähe zur Schanze nicht fahren, um nicht in irgendwelche Krawalle hinein zu geraten. Wozu ich auch noch was sagen könnte, aber da habe ich mich in privatem Rahmen schon genug drüber ausgelassen.
Kurzum, es war alles in allem ein gelungener Abend und ich kann die Theaternacht nur jedem ans Herz legen. Wenn man sich vorher darauf einstellt, aufgrund vieler Menschenmassen auch viel anstehen zu müssen und sich nicht mehr als drei, maximal vier Stationen vornimmt, dann kann man hier wirklich viel Neues sehen und neue Theater, neue Stücke kennenlernen. Macht auf jeden Fall immer wieder Lust auf mehr.






















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