Gestern abend war ich zur Vorpremiere – genauer gesagt Generalprobe – von Frost/Nixon in den Hamburger Kammerspielen. Im Gegensatz zu anderen Theaterstücken kann man bei diesem hier im Grunde nichts verraten, was nicht sowieso schon bekannt wäre. Schließlich gab es die politischen Interviews mit David Frost und Richard Nixon selbst, die Fernsehgeschichte geschrieben haben, und auch den Film darüber. Und jetzt das Theaterstück. Ein Theaterstück, welches die Elemente von Film und Theaterinszenierung auf demonstrative Weise zum Thema passend vereint.
Ich hatte die meiste Zeit das Gefühl, so etwas wie eine gute Dokumentation über die Entstehung und die Hintergründe dieser TV-Duelle zu sehen, dargestellt mit Mitteln des Theaters. Immer mindestens ein erklärender, für einen Moment außenstehender Darsteller, welcher wichtige Hintergrund- Informationen liefert, daneben die Szenen und Dialoge der “echten” Darsteller. Diese Art und Weise der Inszenierung macht das Theaterstück von knapp zwei Stunden – wohlgemerkt trotzdem ohne Pause – zwar sehr kurzweilig, so dass man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht, aber ich für meinen Teil hätte mir insgesamt – aber vor allem am Ende – mehr Schauspiel und weniger Doku gewünscht.
Natürlich braucht man alle gegebenen Hintergrundinformationen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Warum David Frost dieses Interview machen wollte, was Nixon bewogen hat, zuzusagen und wie sich die Reaktion der Medien zu diesem Ereignis im Laufe der Zeit veränderte. Das alles ist wichtig. Aber was sich mir persönlich bis zum Ende nicht erschlossen hat, ist der Grund dafür, warum der aalglatte, mit allen Wassern gewaschene Politiker Nixon am Ende seine Fehler und seinen Machtmissbrauch eingestanden hat. Dadurch, dass Frost am Ende sagt, Nixon selbst hätte gewollt, dass er ihn vor der Kamera erledigt, kann ihm kein Verdienst an dieser Tatsache mehr zugeschrieben werden. Aber genauso wird es ja verkauft, dass dieser windige Moderator – übrigens hervorragend gespielt, genauso wie Nixon selbst – es aus eigener Kraft geschafft hat, was keine Instanz vorher zu leisten imstande war, nämlich Nixon zur Aufgabe zu zwingen.
Sehr gut gemacht ist aber der Einsatz der Leinwand mit Großaufnahmen der einzelnen Interviewpartner. Auch der ständige Bühnenumbau ist schnell, präzise und sehr gut im Verlauf des Stückes integriert. Ich gehe auch davon aus, dass alle Dialoge und Anekdoten historisch genauso passiert sind wie sie hier dargestellt werden.
Schlüsselsatz des Stückes ist wohl die Anmerkung, dass das Fernsehen komplizierte Sachverhalte verkleinert und auf aussagekräftige Bilder komprimiert. Diese Tatsache ist natürlich heute aktueller denn je, genauso wie das Stück selbst angesichts des derzeit nicht stattfindenden Wahlkampfs im Fernsehen eine hohe Aktualität besitzt. Zu Beginn der Interviewaufzeichnungen hat man als Zuschauer dasselbe Gefühl wie bei einer politischen Talkrunde im deutschen Fernsehen: Moderator fragt, Politiker redet ohne etwas zu sagen, geschweige denn die Frage überhaupt zu beantworten. Und schon macht sich dieses altbekannte Gefühl von Ohnmacht, Wut und Langeweile breit, welches mich bei solchen Sendungen immer überfällt. Aber das ist ein anderes Thema.
Fazit: Allein schon wegen der beiden Hauptdarsteller lohnt sich das Stück in jedem Fall. Frost/Nixon ist hervorragend recherchiert, kurzweilig inszeniert und bietet aufgrund diverser Anekdoten auch ein paar Lacher. Wer sich für politische Sachverhalte und deren Inszenierung in den Medien interessiert, sollte sich diese Aufführung in jedem Fall ansehen. Das einzig Überflüssige bei diesem Stück, welches per se (!) Show und Politik vermischt, war der moralische Schlusssatz zu diesem Sachverhalt, welcher die älteren Semester im Publikum weise nicken ließ. Dabei lagen und liegen Politik und Show schon immer sehr dicht beieinander, und das nicht erst seit Nixon.



























Ich finde es immer spannend, wenn solche im literarischen Gesamtkontext aktuelle Themen auf der Bühne umgesetzt werden. Hier scheint es auch noch gelungen zu sein.
Das Abopublikum im schwarzen Rollkragen muss bei Laune gehalten werden.
Vielen Dank für die Kritik. Ich werde mir das Stück auf jeden Fall auch noch in Hamburg ansehen. Es sollte viel mehr Theaterstücke mit historischem Bezug geben.