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Drehbuch für Stralsund

Einleitung

Klappe, die Erste. Der Himmel ist bedeckt. Viele Autos sind auf der A20 Richtung Ostsee unterwegs. Unsere Hauptdarsteller hören laute Musik und sehen die Landschaft vom Auto aus vorbeiziehen. Auf der Strasse liegen immer wieder tote Tiere. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt ist Stralsund erreicht.

Szene 1

Die Protagonistin und der Protagonist stehen vor der Stadtvilla, welche die gebuchte Pension sein muss. Am Klingelschild stehen zwei Namen sowie der ominöse Begriff “Gäste für Gäste”. Nach Betägigung der ersten Namensklingel öffnet eine sehr kleine, sehr alte Dame die Tür. Die Protagonistin fühlt sich spontan an die Addams Family erinnert. Die alte Dame ruft einen sehr kleinen, sehr alten Herrn, der daraufhin die Buchungsbestätigung aus dem Internet entgegen nimmt. Die Stube ist dunkel und geheimnisvoll. Die mit dunklem Holz vertäfelten Wände sind geschmückt mit bunten Tellern, auf den Hockern liegen Spitzendeckchen. Die Räume atmen die Atmosphäre vergangener Jahrhunderte. Der kleine, alte Herr führt die zwei Besucher zu einer hohen Treppe, die in das obere Geschoss führt. Die Protagonistin wird vom kleinen, alten Herrn in jedem zweiten Satz mit dem Nachnamen angesprochen. Nachdem der Pensionär dank piependem Treppenlift auch oben angekommen ist, zeigt er den Besuchern das Südzimmer, auch bekannt als Panorama-Zimmer. Beide Protagonisten erklären sich mit dem Zimmer einverstanden, was angesichts nur eines weiteren Zimmers – Nordzimmer, natürlich – und der Ankunft weiterer Gäste auch nur als selbstverständlich erscheint.

Das Zimmer ist in urigem und großmütterlichem Charme eingerichtet. Inklusive Spitzendeckchen auf dem Tisch vor den zwei einzelnen, dafür zusammengestellten und mit durchgelegenen Matratzen versehenen Betten. Vom Fenster aus gucken die Besucher auf den Knieper Teich und weitere Stadtvillen.

Zimmerkulisse

Zimmerkulisse

Das Bad mit Badewanne ist grün gekachelt und nicht besenrein. In der Toilette steckt noch die Klobürste: die Protagonisten haben mit ihrem Klingeln die kleine, alte Dame beim Putzen aufgeschreckt. So ist zumindest die Annahme. Von der Toilette aus kann man die mithilfe schwarzen Eddings auf den grünen Kacheln mit W und K gekennzeichneten Anschlüsse des Waschbeckens erkennen. Die Benutzung der Badewanne wird allerdings untersagt, duschen erlaubt der Pensionär.

Badezimmer mit grünen Kacheln. Man beachte die feinen Details!

Badezimmer mit grünen Kacheln. Man beachte die feinen Details!

Gäste beider Zimmer teilen sich eine kleine, offene Küchenzeile. Dort finden sich auch Marmelade, Honig, Butter und Nutella für das versprochene Frühstück. Drei Packungen Käse liegen ebenfalls im ansonsten unbenutzten Kühlschrank. Der kleine, alte Herr bietet Frühstück mit Kaffee auf vorbereitetem Tablett an, aber auf keinen Fall zu früh. Die Protagonistin bietet zehn Uhr als Verhandlungsbasis an. Pensionär meinte mit “etwas später” allerdings acht Uhr. Man einigt sich nach harten Verhandlungen auf halb Neun. Die Besucher ziehen sich in ihr Zimmer zurück um auszuruhen und Sachen zu ordnen. Schlüsselsatz dieser Szene: “Ich führe hier keinen Hotelbetrieb, Frau Schmeling.”

Szene 2

Der Himmel ist aufgerissen, die Sonne knallt. Die Protagonistin überredet den Begleiter zu einem Ausflug ins Stralsunder Stadtbad. Ohne richtige Ortskenntnis begeben sich die beiden auf den Weg zur Sundpromenade, die von der schnuckeligen Pension nicht weit entfernt ist. Dort entdecken sie auch Schilder, die zum Stadtbad führen. Auf dem Weg dorthin zwischen den Bäumen der Allee wird der Protagonist ständig von Insekten heimgesucht. Bei der Ankunft am Stadtbad stellen beide fest, dass es a) keinen Sandstrand gibt, nur zu Furchen gepflügten Sand zwischen leeren Strandkörben und b) es keinen Eintritt kostet, sondern man nur für die Nutzung eines Strandkorbes zahlen muss. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und da sonst kaum jemand da ist, besteht freie Auswahl. Zugeteilt wird Strandkorb Nummero 5, direkt am Wasser.

Akkurat angeordnete Strandkörbe

Akkurat angeordnete Strandkörbe

Genauer gesagt, an der Eisentreppe, die zum Wasser führt. Mutig stürzt sich die Protagonistin ins kühle Nass. Doch, oh weh! Das Wasser ist so flach, dass man eigentlich nicht schwimmen kann, außer man tut so, indem man sich halb auf den Boden legt. Die Abkühlung tut gut, nur Quallen sind leider keine vorhanden. Für den Protagonisten gilt offensichtlich für die gesamte Szene die Regieanweisung: nörgeln. Aber mit wechselnden, sich wiederholenden Inhalten. Variationen des Themas sind die Wärme, die Sonne, die Insekten, die klebrige Sonnenmilch sowie andere Strandgäste, die nach und nach ihren Auftritt haben. Die Zuschauer müssen es aber nicht lange ertragen, denn zwei Stunden später wechselt die Kulisse. Schlüsselsatz in dieser Szene: “Ich brauche Schatten.”

Szene 3

Die Protagonistin und der Protagonist sind in der City. Die Sonne scheint, es ist sehr warm, viele Touristen bevölkern die Strassen. Die Geschäfte schließen hier auf einen Samstag alle spätestens um 18 Uhr.

Marktplatz. Gut geeignet für Massenszenen.

Marktplatz. Gut geeignet für Massenszenen.

Deshalb machen beide einen Spaziergang durch Innenstadt und Hafen, vorbei an neuen und verfallenen Häusern, wobei ersteres im Stadtbild überwiegt. Die Protagonistin fantasiert von einem Fotoprojekt, welches sie in der Kunstszene reich und berühmt machen könnte.

Boote am Hafen

Boote am Hafen

Am Hafen studieren beide immer wieder die Speisekarten der Restaurants, um eine geeignete Kulisse für ein würdiges Abendessen zu finden. Doch vorher machen sie noch einen Abstecher in die Kindheit der Protagonistin.

Wir springen zurück in der Zeit, es ist 1988. Ein kleines, siebenjähriges Mädchen spielt auf dem Bürgersteig der Rudolf-Breitscheid-Strasse mit seinen kleinen Freunden Malte und Stefanie, schräg gegenüber vom Intershop. Noch ahnt es nicht, dass es schon im Mai 1989 umziehen wird und die nächsten 20 Jahre nicht hierher zurückkehrt, geschweige denn seine Freunde von damals wiedersehen wird.

Wir kehren zurück in die heutige Zeit, das Strassenbild hat sich bis auf neu verputzte Häuser nicht geändert. Auch das ehemalige Domizil an der Barther Strasse/Ecke Rudolf-Breitscheid-Strasse ist neu gemacht. Die Protagonistin macht heimlich ein Foto und guckt im Vorbeigehen auf die zwei Briefkästen. Früher waren es drei Parteien, eine von damals wohnt heute noch hier. Sie gehen die Strasse hoch, bis zur ehemaligen Schule mit dem steinernen Schulhof. Rückblenden: Schulappelle ohne Pionierknoten. Denn bei den Pionieren war das kleine Mädchen nicht. Heute ist der Schulhof wild bewachsen, die Fenster der ehemaligen, grauen Wolfgang-Heinze-Schule sind teilweise zerbrochen. Hier lernt schon sehr lange niemand mehr die Lehren eines Ernst Thälmann.

Szene 4

Spaziergang über die weißen Brücken, vorbei am Springbrunnen. Im roten Licht der Abendsonne wirkt die Kulisse von Stralsund sehr friedlich.

Leider hat die Requisite vergessen, sich um trockenes Brot für die Enten zu kümmern.

Leider hat die Requisite vergessen, sich um trockenes Brot für die Enten zu kümmern.

Der Protagonist schlägt vor, im Ventspils an der Sundpromenade zu dinieren. Auf der geräumigen Dachterasse finden unsere Hauptdarsteller ein schönes Plätzchen mit Blick über die Promenade, den Strelasund und einen malerischen Sonnenuntergang.

Der ganze Himmel war wie ein riesiger Regenbogen.

Der ganze Himmel war wie ein riesiger Regenbogen.

Die Bedienung ist sehr freundlich, das Essen sehr gut. Einziger Wehrmutstropfen: Restaurant schliesst um zehn Uhr. Auf einen Samstagabend. Wichtigster Schlüsselsatz: “Es ist wirklich sehr schön hier.”

Szene 5

Nach tiefem Schlaf bimmelt das Handy um viertel nach Acht. Für halb Neun hatte der kleine, alte Herr schließlich das Frühstück angekündigt, welches am zimmereigenen Tisch eingenommen werden soll. Ein leises Piepen verrät den Treppenlift und zeigt an, dass es Zeit ist, das Tablett ins Zimmer zu holen. Denn sonst würde der Kaffee kalt werden. In der Küche stellt die Protagonistin erschreckt fest, dass der kleine, alte Herr noch im Nebenzimmer die Bettdecken zusammenlegt. Er will ein Gespräch anfangen und das Frühstückstablett erst noch ins Zimmer tragen, wo der Protagonist noch im Bett liegt. Die Protagonistin lehnt dankend ab. Der Schlüsselsatz der Szene stammt wieder vom Pensionär: “Sie sind ja auch kräftig gebaut und können das Tablett selber reintragen.”

Szene 6

Unsere Hauptdarsteller fahren bei strahlendem Sonnenschein auf die Insel Rügen. Es sind sehr viele Autos unterwegs, immer wieder entsteht Rückstau durch Ampeln. Eine fehlende Strassenkarte erschwert die Suche nach einem geeigneten Parkplatz bei Sassnitz und den Kreidefelsen. Deshalb wird beim ersten großen Parkplatz gestoppt. Die niedrigen Parkgebühren hätten für Misstrauen sorgen können, unsere Protagonisten parken allerdings ohne Argwohn und machen sich im Vertrauen auf einen kurzen Fussweg frohen Mutes ohne Strandtasche und nur mit der Kamera bewaffnet auf den Weg durch den Wald, immer den Schildern nach. Die erste Holzbrücke im Wald.

Der Weg durch den Schattenwald.

Der Weg durch den Schattenwald.

Es geht hinab in eine kleine Schlucht, dann wieder bergauf. Dank unserer Hauptdarstellerin wissen wir nach dieser Szene, dass einfache Flip Flops für solche Wege denkbar ungeeignet sind und für unangenehme Empfindungen zwischen den Zehen sorgen. Immer wieder erwarten unsere Protagonisten hinter den hohen Bäumen den Ausblick aufs Meer, immer wieder werden sie enttäuscht. Eine halbe Stunde und viele Baumwurzeln und Steine später endlich Abstieg zum Strand erreicht. Die Holzkonstruktion wackelt unten bedenklich. Ein Blick auf die dort installierte Karte zeigt, man befindet sich ganz am Anfang der Kreidefelsen. Hier befindet sich ebenfalls ein Parkplatz.

Kameraschwenk zum Wissower Klinken

Kameraschwenk zum Wissower Klinken

Am Strand selber klärt die Protagonistin den Begleiter auf, was sich dort mit etwas Glück alles finden lässt, vom Hühnergott bis zum Donnerkeil. Trotz langsamen Schrittes finden beide jedoch keine seltenen Schätze.

Steine sind Steine sind Steine.

Steine sind Steine sind Steine.

Ein Gefühl von Durst macht sich breit. Seltsame Nebenfiguren bevölkern den Strandabschnitt, von jungen, sich gegenseitig fotografierenden Frauen bis hin zu halbnackten und durchtrainierten Strandwanderern.

Für die richtige Dramatik sorgen umgestürzte Bäume.

Für die richtige Dramatik sorgen umgestürzte Bäume.

Auf dem Rückweg zum Auto wollen sich beide den Weg durch den Wald ersparen und stattdessen durch den Ort laufen. Um nicht zu verdursten, besuchen sie einen Kiosk, der auch Sonntags geöffnet hat. Die Verkäuferin telefoniert und ein männlicher, etwas tumber Gast sagt skurrile Dinge. Deshalb entschliesst sich die Protagonistin, draußen vor der Tür zu warten. Nach einer Weile entschliesst sich auch die etwas unwillige Verkäuferin, das Geld für benötigtes Getränk zu kassieren. Wieder beim Parkplatz angekommen beschließen unsere Protagonisten, im Norden Rügens vor der endgültigen Abfahrt noch einmal baden zu gehen. Der Schlüsselsatz kommt diesmal von einer skurrilen Nebenfigur: “Du bist ja richtig schön braun, aber er ist Käsestulle. Aber das bleibt unter uns, hehe.”

Schluss

Am Nachmittag, nach einem windigen und sonnigen Besuch in Altefähr, macht sich das Dreamteam wieder auf den Rückweg nach Hamburg. Problematisch ist nur, dass der fahrbare Untersatz keine Klima-Anlage besitzt. Trotz weiterer toter Tiere auf und an der Strasse fahren unsere beiden Hauptdarsteller nach einem ereignisreichen Wochenende symbolisch gesehen in den Sonnenuntergang. Blende. Fin.

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1 comment to Drehbuch für Stralsund

  • Jaja, der liebe Norden. Das weckt Erinnerungen!
    Kleiner Tipp für den nächsten Ausflug: in Sassnitz am Hafen kann man übrigens zu 100% Donnerkeile finden! ;)

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