Ich möchte einen Kasslerbraten machen. Weil meine Mutter den früher, also vor meiner Volljährigkeit, ab und zu mal zu Hause gemacht hat und ich den immer so lecker fand. Im Bratschlauch. Denn da drin bleibt das Fleisch schön saftig und man hat deutlich weniger Abwasch. So weit, so gut. Also überlege ich mir im Schnellschussverfahren, dass ich beim Edeka ein Stück Kasslerbraten kaufe und einfach mal drauflos mache. So mitten in der Woche.
Der Kauf
Aber ich muss dazu sagen, dass ich beim Einkaufen immer sehr viel Zeit brauche. Vor allem für Sachen, die ich noch nie zuvor gemacht habe. Zwar hatte ich mir vorher genau überlegt, welche Zutaten ich brauche und was ich überhaupt noch kaufen muss, bzw. zu Hause habe, aber dann stehe ich doch wieder vor dem Regal und überlege, welches Suppengrün überhaupt noch einigermaßen gut aussieht. Ich überlege sehr viel beim Einkaufen. Und ich lese mir auch immer durch, was für Inhaltsstoffe überall drin sind. Deshalb mag ich es nicht, wenn man mich hetzt. Weil ich dann öfter Sachen kaufe, die ich vielleicht gar nicht gekauft hätte. Oder umgekehrt, ich vergesse wichtige oder unwichtige Dinge. Die Auswahl eines geeigneten Suppengrün geht dann aber doch recht schnell, denn sie sehen abends gegen acht Uhr irgendwie alle etwas welk aus. Und da ich den ganzen Rest, bis auf das Kassler, zu Hause habe, führt mich der nächste Weg also zum Fleisch. Und als ich an der abgepackten Theke nicht fündig werde, also an die Fleischtheke mit Bedienung.
Hier finde ich auf den ersten Blick schonmal nicht das, was ich eigentlich suche. Vor mir ist noch ein Pärchen dran, ich suche derweil mit den Blicken die Auslage ab. Und überlege. Zack, bin ich dran. Ich frage nach Kasslerbraten. Sie hält mir daraufhin ein graues, festes, längliches Etwas hin und bezeichnet es als Lachs. Also Kassler-Lachs quasi. Ich finde, dass das mit dem Braten meiner Mutter überhaupt nichts zu tun hat. Aber wirklich so gar nicht. Also sage ich, dass das ja wohl ein bisschen zu mager sei. Bei Braten muss doch wenigstens ein bisschen Fett dran sein, allein schon wegen dem Geschmack! Sie hält mir irgendwas mit Knochen hin und sagt Begriffe, die ich nicht so recht verstehe. Dann, als ich kurz davor bin zu einem stinknormalen Schweinebraten zu wechseln, schlägt sie vor, extra nochmal zu gucken, ob noch Kasslerkarbonade auf Lager ist. Mit mehr Fett und Knochen. Ich nicke. Irgendwie geht mir alles zu schnell. Sie kommt wieder mit einem riesigen Fleischprügel und sagt, wie gut das sei. Schwupps, hat sie das Messer angesetzt, fragt kurz ob die Größe so ok sei und säbelt fast im selben Moment einen für mich viel zu großen Fleischklotz ab. Während ich noch ein wenig hilflos auf der anderen Seite der Theke stehe und überlege, was ich jetzt sagen kann, wiegt sie fröhlich vor sich hin redend das Bratenstück ab und packt es mir ein.
Ich gehe mit meinem 2-Kilo-Fleischklotz zur Kasse und frage mich, warum ich das eigentlich tue. Ich hätte gerne zu ihr gesagt: Legen Sie mir das bitte zehn Minuten zurück, ich überleg’s mir und komm dann nochmal wieder. Aber irgendwie war mir das auch zu doof. Also mutig ran ans Fleisch. Auf dem Nachhauseweg, während mir der schwere Trageriemen meiner Einkaufstasche in die rechte Schulter schnürt, frage ich mich, wie ich wohl den Knochen entfernen soll. Und mir fällt auf, dass ich für Nicht-Essbares bezahlt habe. Schließlich sind die Knochen mit Sicherheit das Schwerste an dem Klops. Aber egal, nicht über Sachen ärgern, die man nicht mehr ändern kann. Stattdessen freue ich mich lieber auf morgen, denn da geht’s los mit dem Braten.
Die Zubereitung
Feierabend! Ab nach Hause, schließlich soll der Braten möglichst gegen sieben Uhr im Ofen sein. Dauert schließlich lang genug, denn er muss ja in etwa zwei Stunden garen. Ich schnippel also mein Suppengrün klein und schneide noch meine restlichen drei Karotten aus dem Kühlschrank und zwei Zwiebeln dazu. Das kommt dann schonmal in den Bratenschlauch. Den von Toppits, schließlich soll es ja auch gut werden. Und zugegebenermaßen hatte Edeka keinen billigeren Bratschlauch. Soviel dazu. Obendrauf lege ich Lorbeerblätter und Pimentkörner. Und eine ungeschälte, aber halb zerquetschte Knoblauchzehe für den Geschmack, die ich dann vor der Weiterverwertung des gegarten Gemüse entfernen möchte. Dann geht es ans Fleisch.
Dafür habe ich mir überlegt, es mit einer Mischung aus Honig, Senf und Kräutern einzupinseln. Im Grunde hat das jetzt nichts mehr mit dem ursprünglichen Braten meiner Mutter zu tun, aber man soll ja auch seine eigene Fantasie mit einbringen. Also mische ich meinen guten Balsamico-Senf mit meinem teuren Honig und denke, dass ich dafür auch ruhig was günstigeres hätte besorgen können. Aber was ein echter Feinschmecker ist, der schmiert auch den guten Bio-Ulmo-Honig aus Südamerika auf seinen Kasslerbraten. Ein Löffelchen Aprikosenmarmelade kommt auch noch mit rein, die gibt einen fruchtigen Touch. Und natürlich frische Kräuter, wie Rosmarin und Thymian. Alles durchgerührt und rauf damit aufs Fleisch. Aber wie ich das Fleisch eingepinselt habe, fällt mir auf, dass es schwierig wird, diesen schmierigen Klops jetzt unfallfrei in den Schlauch und auf das Gemüse zu bekommen.
Wenigstens fällt mir der Klops nicht runter. Aber der gesamte Schlauch und meine Hände und halben Oberarme verschmieren, während ich es einigermaßen schaffe, das Fleisch auf dem Gemüse zu platzieren. Denke mir, ich lege ihn mit der fleischigen Seite nach unten, denn wozu soll bitteschön der Gemüse-Geschmack in den Knochen ziehen, den ich sowieso nicht esse. Trotzdem verpinsel ich noch irgendwie den Rest meiner Tunke. Anschließend gieße ich Weißwein und ein bißchen Wasser dazu, etwas mehr als einen halben Liter insgesamt und verschliesse den Schlauch. Der so verschmiert ist, dass es nicht funktioniert. Also mach ich ihn erstmal mit Klopapier – denn Küchenrolle habe ich nicht zur Hand – sauber. Dann klappts auch mit dem Plastikverschluss. Mittlerweile ist es kurz nach halb acht. Bin trotzdem froh, dass der Braten endlich in der Röhre ist. Bis zum Kartoffelschälen für das Kartoffelpüree habe ich also noch reichlich Zeit.
Als ich nach einer Stunde einen Blick in den Ofen werfe, bekomme ich erstmal einen Schreck. Bei längerem Hinsehen stelle ich fest, dass die verschmierte Tunke innen am Bratschlauch fröhlich schwarz und immer schwärzer wird. Aber das tut dem Braten, den sie nicht berührt, hoffentlich nichts.
Eine halbe Stunde vor geplanter Fertigstellung sind die Kartoffeln geschält und auf dem Herd, aber mir fällt siedendheiss ein, dass ich den Pfeffer vergessen habe. Und das Knochenproblem ist auch noch nicht gelöst. Aber vielleicht löst sich ja selbiger ganz einfach von alleine nach Fertigstellung.
Letzten Endes geht alles ganz schnell. Nach insgesamt zwei Stunden, wovon der Braten die erste 1 1/4 Stunde bei 200°, danach aus Panik nur noch bei 150° im Ofen war, ist das Püree fertig und der Braten kommt raus. Ganz schön schwarz, der Bratenschlauch. Auch der Braten wirkt oben – salopp gesagt – sehr gut gebräunt. Mit ein wenig Hilfe bekomme ich dann auch Gemüse und Flüssigkeit in einen Topf geschüttet, der Braten ruht erstmal in Alufolie weiter. Gemüse und Flüssigkeit werden von mir püriert, nachdem ich große Körner und Lorbeerblätter wieder entfernt habe ( die Knoblauchzehe finde ich natürlich nicht wieder), und anschließend mit Salz, Pfeffer und einem Schwupp Sahne abgeschmeckt. So bekommt man eine schöne, kräftige und dickflüssige Soße und wirft nicht unnötig das ganze Gemüse weg. Kartoffelpüree mache ich übrigens immer mit Butter, Milch und Schnittlauch. Und ein bißchen Salz natürlich. Muss ja auch gut schmecken.
Das Knochenproblem ist keines mehr, allerdings nicht aufgrund weichgegartem und zartem Fleisch, sondern weil ich mein größtes und schärfstes Messer zum Einsatz bringe. Damit säbel ich das Riesending einfach immer schön an der harten Kante entlang weg. Bin auch ein wenig ruppig dabei aufgrund meiner Ungeduld, schließlich ist es schon spät und ich war über zwei Stunden den wohlriechenden Bratendüften mit einem knurrenden Magen ausgesetzt.
Das Essen
Das Fazit: der Braten ist leider nicht so schön saftig geworden wie früher. Aber er war auch nicht zu trocken, sondern halt so, wie Kassler eben normalerweise ist. Ein bisschen weniger Garzeit hätte dem Fleisch wohl gut getan. Aber mit der Soße und dem Püree ist es schon ein verdammt leckeres Essen. Und kaltes Kassler macht sich ja auch sehr gut im Brötchen. Von daher betrachte ich meinen ersten Bratenversuch überhaupt als gelungen und werde mich weiterhin in der Richtung ausprobieren. Vielleicht ja nächstesmal direkt in der Königsdisziplin: einem echten Rinderbraten.

























Ripperl, wie wir in Bayern dazu sagen, gehört nicht zu meinen bevorzugten Fleischgerichten. Aber ich liebe solche illustrierte Zubereitungsgeschichten!
Sie zeigen immer die Hingabe der Zubereiterin
Ich habe das mal u.a mit einem Schweinebraten gemacht…
Ich wollte auch mal Kasslerbraten machen. Aber als ich in der Metzgerei in diesem kleinen bayrischen Dorf danach gefragt habe, hat mich die Dame hinter der Theke angeguckt, als käme ich vom Mond. Nach dem Kommentar von Stadtneurotiker werde ich es mal mit ‘Ripperl’ probieren, vielleicht versteht man mich dann und ich bekomme was ich möchte.
Hehe, das könnte auch gut ich sein