
Birkenbäume
Ich muss ehrlich zugeben, es ist irgendwie bequem. Zumindest bequemer, als sich über drei Jahre hinweg irgendwelchen Spritzenprozeduren unterziehen zu müssen, die nur bedingt Chancen auf Heilung liefern. Vor allem, weil ich ja ein Super-Allergiker bin. Ich bin mir sicher, vor noch hundert Jahren wäre ich gar nicht so alt geworden wie ich jetzt bin. Da wäre ich mit meinen ganzen Zipperlein, einer leicht fehlerhaften Bauweise und natürlich mehreren Allergien gleichzeitig ganz natürlich ausselektiert worden. Lebensberechtigungskarte eingezogen – Klappe zu – Affe tot.
Nun sind wir aber heute soweit, dass man sich dank der medizinischen Errungenschaften trotzdem mehr oder weniger erfolgreich durchs Leben schlagen kann. Nur um es mal aufzuzählen, ich bin allergisch gegen: Birkenpollen, Gräserpollen, Tierhaare (ja, alle!), Federn (sowohl im Bett als auch an Tieren), und Hausstaub. Hinzu kommen ein paar Kreuzallergien im Lebensmittelbereich, die mit meiner extrem ausgeprägten Birkenallergie zusammenhängen wie rohe Äpfel, rohe Kartoffeln (vor allem die Schalen), rohe Birnen, rohe Kirschen, Soja und frische Nüsse – und das nicht nur im Frühjahr, sondern ganzjährig. Klar, auf das Obst kann ich in rohem Zustand verzichten oder aber das furchtbare Jucken im Hals in Kauf nehmen. Manchmal bleibt dann aber sogar die Stimme für eine Weile weg. Und ich habe auch schonmal versucht, mit geschälten Kartoffeln aus dem Glas zu kochen. War nicht so lecker. Wenn es nicht gerade ein Kartoffelsalat sein muss, sondern nur eine Portion für mich alleine, gehts ja auch. Dann niese ich eben ne Runde, muss einmal Spray nehmen, und gut ist. Und wenn es mehr ist, muss halt jemand anderes ran.
Aber Pollen, Tiere und Staub, dass sind so die Dinge, die mir wirklich Probleme bereiten. Es ist ja so, dass man schon ab Anfang März mit Medikamenten eingedeckt sein muss, vor allem auch unterwegs. Einmal ist es mir in Münster passiert, dass ich an einem Tag Ende März in der schönen Nachmittags-Frühlingssonne mit dem Fahrrad zu einem Treffen unterwegs war, und der Pollenflug einsetzte. Ich hatte nichts dabei, habe mich durch einen aufgrund meiner Kurzatmigkeit völlig verdorbenen Abend mit Freunden gequält (-> selbst schuld, ich weiß), bis ich nach zwei Stunden mit dem Fahrrad (auch sehr dumm!) nach Hause bin, wo die panische Sucherei nach Tabletten losging. Spray hatte ich leider keins mehr, weshalb ich die nächsten zwei Stunden lang ausgestreckt auf dem Rücken verbracht habe, konzentriert darauf, wieder einigermaßen langsam und tief atmen zu können.
Aber da ich nunmal Allergiker bin, habe ich mir jetzt vorgenommen, auch nicht mehr aus Rücksicht oder Nettigkeit in Situationen zu verbleiben, die mir schaden. Wenn ich meine Medikamente dabei habe, ok. Wenn nicht, dann gehe ich. Und zwar so schnell wie möglich. Jeder, der es schonmal erlebt hat, nur noch bis zur Höhe vom Schlüsselbein atmen zu können und nach jedem gesprochenen Wort pfeifend Luft einziehen zu müssen, um überhaupt noch sprechen zu können, weiß, wovon ich rede. Und auch dieses Rumgeniese und Rumgeschniefe. Dann heisst es aus bestimmten Kreisen immer wieder, ach, die ist wieder erkältet. Ja, ist sie ja auch immer. Ha ha ha. Mich nerven nassgeschneuzte Papiertaschentücher – die sich in meiner Handtasche zu mehreren verklumpen und überall feine weiße Papierzipfel hinterlassen – auch, aber noch mehr nervt es mich, wenn ich dann noch ständig darauf angesprochen werde.
Nun kam mir aber ein Artikel unter, der ein paar neue Methoden zur Allergiebekämpfung beschreibt. Die Hypersensibilisierung hielt ich nach einer Beratung vor ein paar Jahren für wenig sinnvoll, weil zu viel Aufwand bei zu geringer Erfolgsausbeute, aber vielleicht sollte ich mich tatsächlich mal nach einer von diesen Methoden bei einem Facharzt erkundigen – die Frage wird nur wieder sein, wer das bezahlen soll?!
Soweit ich weiß, übernehmen die Kassen bei entsprechender Indikation nur die Hypersensibilisierung, sprich drei Jahre lang Spritzen. Empfohlen wurde mir jetzt die Bioresonanz, was aus medizinischer Sicht als Unsinn gilt. Stört mich aber nicht. Dann gibt es natürlich noch Akupunktur, was auch helfen soll, aber von meiner Krankenkasse nur bei zwei bestimmten Indikationen gezahlt wird, und Allergie gehört leider nicht dazu. Ein Arzt in München bietet angeblich mit großem Erfolg eine Mischung aus beidem an, genannt Bio-Laser-Resonanz-Therapie. Klang für mich ehrlich gesagt schon sehr interessant. Bleiben noch Homöopathie, Bachblüten und Mittel wie Aloe-Vera-Trinkgel oder Kuh-Mutter-Milch, die vielleicht helfen mögen, aber mich nicht so ganz überzeugen. Fakt ist, egal, wofür ich mich entscheide, es wird mich einiges an Geld kosten. Was es mir aber auch wert wäre, so ich denn eine wirklich gute Chance auf eine bleibende Verbesserung bekommen würde.
Doch wer bietet eine gute Beratung? Wohl kaum ein Kassenarzt, der alle Naturheilmethoden verächtlich abtut und auf die Hypersensibilisierung schwört, die ja in den letzten Jahren auch weiterentwickelt wurde und mittlerweile nicht mehr ganz so starke Nebenwirkungen mit sich bringt. Es gibt laut Internet auch kurzzeitige Spritzentherapien – in der Schweiz entwickelt, die nur drei Injektionen innerhalb weniger Wochen benötigen – um genau denselben Effekt zu erzielen. Ist die Frage, ob es das schon in Deutschland gibt. Ein Homöopath wird natürlich pflanzliche Mittel verschreiben und ein TCM-Experte zu Akupunktur raten, aber eigentlich wünscht man sich als allergiegeplagter Mensch doch einen Spezialisten in diesem Gebiet, der einem vorbehaltlos mal alle Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Therapieansätze nahebringt. Denn natürlich will auch im Internet jeder immer nur seine eigene Methode vermarkten und verkaufen.
Und wenn ich irgendwo nochmal am Anfang eines Artikels zum Thema Pollen(!)-Allergien lesen muss, dass die einzig wirksame Methode zur Bekämpfung von Heuschnupfen das strikte Vermeiden der Allergene sei, dann fahre ich persönlich zum Autor hin und drehe ihm den Hals um. Besser Verdienende mögen es sich vielleicht leisten können, ihren Wohnsitz in andere Länder zu verlegen oder aber zwei bis drei Monate im Jahr in diesen Gegenden zu verweilen, aber die Normalbevölkerung kann das nunmal nicht, und abgesehen davon ist dieser immerwährende Hinweis einfach nur überflüssig. Es würde ja auch nie jemand schreiben: Um einen Armbruch zu vermeiden, brechen sie sich einfach nicht den Arm.






















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